getreu dem Motto möglichst viel von den Staaten mitzubekommen, bin ich im April kurzerhand und auf eigene Faust nach Chicago gereist. Die ehemalige Mafiametropole und drittgrößte Stadt der USA muss man als Allgäuer schließlich einmal gesehen haben.
Die wichtigste Nachricht zuerst: Chicago ist beeindruckend. Sehr beeindruckend. Für mich ist die Windy City wie sie oft genannt wird (wegen dem Wind und wegen der flexiblen Einstellung der Politiker der Stadt wie man munkelt) aus ein paar Gründen sogar sympathischer als New York City. Hier kommt warum.
Gemütlich. Chicago strahlt für mich deutlich mehr Ruhe und Gemütlichkeit aus, als es New York jemals könnte. Und dabei ist die Stadt mit ca. 2,6 Mio Einwohner in der Innenstadt und 9,6 Mio in der Metropolregion nicht so viel kleiner als New York. Dazu kommt, dass Chicago mit dem Chicago Board of Trade immer noch die größte Börse für Rohstoff-, Futures - und Optionshandel in den USA beherbergt. Somit kann man auch nicht behaupten, die Stadt hätte einen erheblich kleineren Finanzsektor. Hinzu kommt, dass der Flughafen (!) O'Hare das zweitgrößte Luftverkehrsdrehkreuz der Welt ist - nach Atlanta. Chicago ist aber trotz seiner Größe gemütlich. Das zeigt sich nicht nur an den vielen Blues Bars in der Stadt. Auch habe ich die Leute dort als sehr aufgeschlossen, weniger unter Zeitdruck stehend und mehr laid-back empfunden. Und man fühlt sich nicht so eingeengt wie in Manhattan. Die Stadt wirkt nicht ganz so gedrängt.
Skyline. Die Skyline Chicagos ist natürlich kleiner als die New Yorks. Aber wie ich finde feiner. Und höher, mit dem Willis Tower (früher Sears Tower, wurde aber nach ein paar Junk-Bond Händlern aus London umbenannt nachdem die mittlerweile die wichtigsten Mieter sind). Der ist nämlich 527 m, das Empire State 443m.
Parkanlagen und Lake Michigan. Klar, New York hat den Hudson River, den East River und generell das Meer. Chicago hat aber den Michigan See der auch was hermacht. Und was man nicht übersehen kann und nicht unter den Tisch kehren sollte: Chicago hat zwischen dem Seeufer und der Skyline/Stadt noch einige Parkanlagen. Und die sind wirklich fancy und schön angelegt.
Um die Gegend um Chicago herum zu erkunden habe ich eine Bekannte besucht, die in Notre Dame studiert. Das ist eine Uni die mit dem Zug in zwei Stunden von Chicago aus erreichbar ist. Nette Uni, aber ziemlich im Niemandsland. Dafür bekommt man hier eine Breitseite College-Atmosphäre verabreicht - großer Campus, nur Studenten, Party, fast familiäre Stimmung, eine eigene Kirche, Sportkultur (Notre Dame ist in Basketball und American Football ganz große Klasse). Gerade im Vergleich also zur Columbia sehr konträr. Columbia hat nämlich keinen Platz und ist daher nicht weitläufig angelegt, liegt mitten im Bienenest New York und ist in Sachen Sportarten nicht besonders versiert.
Zurück in New York (und nach einem äußerst holprigen Flug - Chicago ist tatsächlich windy) konnte ich mich erst einmal über Besuch meiner Familie aus Deutschland freuen. Eine Reunion mit der Familie ist immer etwas schönes und es macht immer wieder Spaß New York zu zeigen.
So, nun suggeriert der Titel ja, dass ich auch noch etwas über Amerikanische Brauchtümer erzähle. Mir ist in letzter Zeit besonders bewusst geworden, wie sportbesessen die Leute in den USA sind. Hier gehen die Studenten in Massen in das Fitnessstudio - was auch mich angesteckt hat :-). Eishockey, Basketball, American Football oder Baseball sind allgegenwärtig. Sportsbars gibt es an jeder Ecke.
Von den aufgezählten 4 Sportarten habe ich 3 schon erlebt. Mit einem Deutschen Freund habe ich mir ein Basketball Spiel in New Jersey angesehen und American Football gab's des Öfteren in Bars und Kneipen zu sehen. Eishockey habe ich mir mit einer Amerikanischen Freundin im Madison Square Garden angesehen. Super. Zwar ist das Stadion wirklich etwas baufällig und definitiv nicht auf dem neusten Stand, aber die Atmosphäre war einmalig. Eishockey gefällt mir besser als Basketball und die Saison ist länger als die von American Football (geht gerade mal von Oktober bis Februar). Darüber hinaus gibt es nicht so viele Unterbrechungen wie bei American Football und die Shows in den zwei Pausen zwischen den drei Dritteln sind nicht so pompös wie bei Basketball. Auf Eis lässt sich einfach schlechter rumhampeln. Ein weiterer Vorteil von Eishockey ist, dass sich die Spieler prügeln, sich Pucks in um die Ohren schießen und ständig Verletzungen davon tragen. Amis sind blutrünstig ;-) Scherz.
Ein wirklicher weiterer Vorteil von Eishockey ist, dass die Karten billiger sind als bei Basketball. Ebenso ist das Spiel genauso dynamisch wie Basketball (es geht ständig von der einen Seite zur anderen), es wird aber deutlich seltener gescored was die ganze Sache meiner Ansicht nach spannender macht.
Um meine eigene Sportfertigkeit unter Beweis zu stellen habe ich kürzlich an einem 4 Meilen (6,44 km) Lauf durch den Central Park teilgenommen. Ging um 9 Uhr morgens los und ich war schon nach 2 Minuten komplett durchnässt, weil es aus Kübeln regnete. Gott sei Dank haben die Veranstalter des Laufs kurz vor Start die Amerikanische Nationalhymne angestimmt, und die 5100 Läufer sangen beschwingt mit. Das hat dann die allgemeine Stimmung etwas gehoben. Das ist übrigens bei allen anderen Sportarten ganz genauso: vor Anpfiff wird stets die Nationalhymne gesungen. Amerikaner sind also wirklich patriotisch. Na gut, das ist eigentlich nichts neues. Ich fand es nur peinlich, die Hymne auch vor einem 4-Meilen Lauf zu singen. Naja, da sind wir Deutschen halt anders.
Mal ganz von Sportarten abgesehen habe ich eine weitere Erkenntnis erlangt. Und zwar frage ich mich schon lange, warum Amerikaner immer übertreiben müssen. Meine These: sie meinen sie müssten mit Erwachsenen genauso reden wie mit Säuglingen oder Kleinkindern. Das fiel mir kürzlich im Aquarium in Chicago auf, als ich das Gespräch zwischen Kindergärtnerin und Kind beobachtet habe. "Wow, look at this fish, aren't his eyes enormous? They are maybe the biggest eyes I ever saw". Das kann man nun in alltägliche Gespräche zwischen Erwachsenen übertragen. "Oh my God, this is the best soup I ever had. And the beef is just delicious. I am so happy that we came here." Und nicht nur Übertreibungen lassen sich so erklären. Sondern auch der Fakt dass viele Amerikaner einfach alles glauben wenn man es ihnen nur oft genug sagt. Das sieht man unglaublich oft in der Werbung. Da werden einzelne Slogans von verschiedensten Personen ständig wiederholt. Wie Hirnwäsche. Das konnte man auch im Kindergarten beobachten. "We need to go to the dolphin show now, you're gonna love it", "Now come, we need to go to the dolphin show, it's great" "The dolphin show is great", "Let's go to the gorgeous dolphin show", etc. Scheint zu klappen, hinterher hab ich mir die Dolphin Show glatt angesehen.
Über weitere Verhaltenshypothesen halte ich euch freilich auf dem Laufenden :-)
Bis dahin, viele Grüße nach Deutschland und frohe Ostern!